Wie viele Krankenkassen brauchen wir?

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Molse
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Wie viele Krankenkassen brauchen wir?

Beitragvon Molse » Mo 27. Apr 2015, 08:38

Krankenkassen, Gesundheitsminister, Finanzminister und nicht zuletzt Frau Bundeskanzlerin singen im Chor das Lied von der Kostenexplosion im Gesundheitswesen. Sie haben auch schon den Schuldigen ausgemacht, Otto Normalverbraucher.

- Er wird alt wie nie zuvor
- Er rennt ohne krank zu sein zum Arzt, will einfach nur ein wenig plaudern
- Er lässt sich immer nur die besten und teuersten Arzneimittel verschreiben
- Er macht zuviel und zu lange krank
- Er lebt ungesund
- ...

Stop!

Ein wenig Wahrheit mag von mir aus in diesen Aussagen drinstecken, auch die Verteuerung der Gerätemedizin ist nicht von der Hand zu weisen. Aber glaubt jemand ernsthaft daran, dass das die wahren Ursachen für die Defizite sind?
Das Übel sitzt an anderer Stelle. Die Krankenkassen "sammeln" das Geld der Pflichtversicherten ein und bestreiten aus den Einnahmen die Krankheitskosten ihrer Mitglieder. Aus den Einnahmen werden aber auch die gesamten Lohnkosten der Mitarbeiter und der Führungsriege bezahlt. Die Betriebskosten incl. Werbeetat werden auch noch davon bezahlt - und am Ende muss auch noch ein Gewinn erwirtschaftet werden, weil die Marktwirtschaft es so will. Ich nenne sowas schizophren!

Wieviele Krankenkassen gibt es überhaupt?
GKV-Spitzenverband hat geschrieben:Derzeit gibt es 132 gesetzliche Krankenkassen (Stand: 2014).


Das muss man sich mal vergegenwärtigen, rund 130 Krankenkassen mit dem ganzen Overhead an Führungskräften, Marketingstrategen, Rechtsabteilung usw., die alle ein gutes Gehalt für sich beanspruchen, das aus den Pflichtbeiträgen der Versicherten bezahlt wird. Vorsichtig geschätzt behaupte ich mal, dass die Anzahl der eben genannten Mitarbeiter je Gesellschaft 15 betragen könnte, von denen 12 mit mindestens 6.000 € brutto und 3 mit 12.000 € brutto zu berücksichtigen sind. Das macht 108.000 € mal 130 = 14.040.000 € im Monat. Upps. Und damit sind noch keine Betriebskosten und Mitarbeitergehälter bezahlt.

Man könnte ganz böswillig sein und diese Praxis als Parasitentum geißeln, ich für meinen Teil bin der Meinung dass es Zeit wird, die gängige Praxis der Krankenversicherung gründlich zu reformieren. Längst sind wir an dem Punkt angekommen, dass alle Krankenkassen den exakt gleichen Prozentsatz fordern, marktregulierende Konkurrenz gibt es nicht. Stattdessen sind Zuzahlungen in unterschiedlicher Höhe üblich geworden, die nur den Versicherten belasten. Manager erhalten aber satte Aufbesserungen. Waren die nun klamm? Oder haben die so gut gewirtschaftet? Mir erschließt sich die Logik nicht. Wenn die Kasse klamm ist, können die Manager nicht gut gearbeitet haben, haben ergo also keine Gehaltserhöhung verdient. Haben sie aber gut gewirtschaftet, hat die Krankenkasse keinen Grund Zusatzbeiträge einzufordern. Was ist das für ein Geschäftsgebahren?!

Molse
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Re: Wie viele Krankenkassen brauchen wir?

Beitragvon Molse » Mo 27. Apr 2015, 08:53

Naseweise Optimisten können jetzt mit dem Argument kommen, dass der Konkurrenzkampf die Anzahl der verbleibenden Krankenkassen weiter reduzieren und ein Gesundschrumpfen eintreten wird. Die spontane Wunderheilung des Gesundheitswesens steht unmittelbar bevor. Bestimmt, hab selten so gelacht.
Wie kommen wir aus der Nummer eigentlich raus? Geht das denn?

Ich behaupte ja, es geht und es kann sogar sehr gut gehen. Meine Gedanken zur Gesundheitsreform stelle ich allen demokratischen Parteien als Anregung zur Verfügung, mehr noch, wenn eine Partei dies in ihr Programm aufnimmt hat sie meine volle Unterstützung.

  1. In einem ersten Schritt werden die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) unter einer zentralen Führung zusammengefasst und erhalten Behördenstatus.
  2. Alle Mitarbeiter der neuen AOK werden aus dem Staatshaushalt bezahlt, die Strukturierung erfolgt analog zu anderen Bundesbehörden wie ARGE, jedoch mit möglichst wenigen Führungskräften.
  3. Ein Leistungskatalog regelt weitgehend die von der AOK abgesicherten Leistungen. Für darüber hinausgehende Ansprüche sind Zusatzversicherungen nötig, die bei normalen Versicherungen abgeschlossen werden können.
  4. Private Krankenversicherungen sind nicht mehr alternativ zur gesetzlichen Krankenversicherung zulässig, sie erhalten den Charakter einer freiwilligen Zusatzversicherung.
  5. Mitgliedschaften können differenziert werden, der Status entscheidet, welcher Leistungskatalog zum Tragen kommt.
  6. Ein Ethikrat kann Leistungen zusätzlich zum Leistungskatalog als Einzelfallentscheidung bewilligen.
  7. Medikamentenzuzahlungen und Kassensonderbeiträge werden nicht mehr erhoben.
  8. Arbeitnehmer und Arbeitgeber tragen je zur Hälfte die Krankenversicherungskosten, es gibt keine Entkopplung.
  9. Die Höhe der Krankenversicherungsbeiträge ist bei abhängig Beschäftigten ein fester Prozentsatz vom Bruttoeinkommen, unabhängig von der Höhe des Einkommens. Bei mehreren Beschäftigungsverhältnissen ist auch der gleiche Prozentsatz zu zahlen.
  10. Selbstständige haben eine jährlich individuell festzulegende Kopfpauschale zu bezahlen, die sich an den Einkünften und Gewinnen des Vorjahres ausrichtet. Unabhängig von Verlusten gibt es aber einen Sockelbetrag der in jedem Fall zu zahlen wäre.
  11. Bezieher von Arbeitslosengeld 1 werden wie abhängig Beschäftigte behandelt.
  12. Altersrentner zahlen einen Krankenkassenbeitrag aus ihren Renteneinkünften, dessen Prozentsatz 2/3 des Prozentsatzes von abhängig Beschäftigten entspricht.
  13. Für Bezieher von ALG 2/Hartz IV ist eine Kopfpauschale von der ARGE an die Krankenkasse zu zahlen. Eine Differenzierung der Leistungen nach bisher zurückgelegter versicherungspflichtiger Zeit ist dringend zu empfehlen. Bei Vorliegen körperlicher oder geistiger Behinderung, gesundheitlichen einschränkungen usw. können im Rahmen der Gleichstellung höhere Einstufungen vorgenommen werden.
  14. Kinder werden prinzipiell beitragsfrei gestellt, bis sie entweder das 18. Lebensjahr vollendet haben oder bereits vorher ein eigenes Einkommen beziehen.
  15. Volljährige Familienangehörige ohne eigenes Einkommen haben eine Kopfpauschale als Krankenversicherungsbeitrag zu bezahlen, die der Höhe für ALG2/Hartz IV-Bezieher entspricht. Auf Antrag kann die Kopfpauschale von der ARGE übernommen werden, wenn die Familie die Belastung nachweislich nicht erbringen kann.

Ach so, die vielen gesetzlichen Krankenkassen dürfen ihren aufopferungsvollen Dienst am Kunden einstellen. Was aus den vielen Arbeitsplätzen werden soll? Auch eine staatlich geführte Krankenkasse braucht qualifizierte Indianer. Nur die Häuptlinge dürften den goldenen Zeiten nachtrauern.

BTW, die "neue" AOK arbeitet nicht gewinnorientiert. Erwitschaftet sie einen Überschuss, werden daraus Rücklagen gebildet - gibt es ein Defizit muss wie bisher aus dem Steueraufkommen ausgeglichen werden.

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Re: Wie viele Krankenkassen brauchen wir?

Beitragvon Winnetou » Mo 25. Apr 2016, 21:03

Eigentlich würden ja auch eine handvoll Krankenkassen "genügen".

Vielleicht unterteilt in Altersgruppen oder spezifischen Personengruppen. Auch eine Unterteilung in Berufsgruppen würde Sinn machen.
Da liese sich dann bei der Verwaltung viel Geld sparen. Da nicht jeder für alle Themen zuständig ist.

Ein finanzieller Ausgleich ("Gemeinschaftstopf") MUSS allerdings vorhanden sein, so dass für alle Personen (aber auch für alle Krankheiten) genug Geld da ist.

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[Zitat aus einem der Winnetou Filme] + [eine wirklich gute Sache]


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